Die Straflager, TWO, Arbeitsumerziehungswohnheime [10]

Am 20. Dezember 1944 verabschiedete der bulgarische Ministerrat nach dem Vorbild des sowjetischen Lagersystems GuLag die „Durchführungsverordnung zu den Arbeitsumerziehungswohnheimen für politisch gefährliche Personen“. Es handelte sich dabei um die Bildung von Straflagern für politische Opponenten, was zugleich in völligem Widerspruch zum Artikel 73 der damals gültigen bulgarischen „Verfassung von Tarnovo“ stand. Nach Artikel 1 dieser Verordnung konnten für die „Ordnung und Sicherheit des Staates“ als gefährlich geltende Personen in besondere Arbeitsumerziehungswohnheime zwangseingewiesen werden… unter der Aufsicht der Volksmiliz.
Durch diese konzentrationslagerartigen Isolations-zentren gingen Tausende bulgarische Bürger, jahrelang gezwungen, dort unter schwersten Bedingungen zu arbeiten und oft Folterungen, Prügel und Hunger erleiden mußten, ohne medizinische Versorgung zu erfahren. Selbst vor Mord schreckten die Verantwortlichen nicht zurück. Viele der Opfer starben oder behielten lebenslange Behinderungen. Alle Sterbeurkunden für die gewaltsam Getöteten wurden mit falschen Diagnosen ausgestellt. Ihre Leichname übergab man nicht den Familien zur Beerdigung. Sie wurden aus den Lagern herausgebracht und, um alle Spuren zu verwischen, heimlich an bestimmten Orten unter Aufsicht der Volksmiliz verscharrt.
Die Schaffung eines Lagersystems in Bulgarien begann aber bereits vor der Verabschiedung dieses Gesetzes.

Zeichnung eines Lagerhäftlings im Straflager „Bogdanov dol“,
Privatarchiv

Auf der Grundlage des Berichtes des Ministers des Inneren Anton Jugov, beauftragte das Politbüro der BKP die Staatssicherheit, Namenslisten von den Personen, die zwangsausgesiedelt und interniert werden müßten, zusammenzustellen und die Säuberung der Grenzregionen von unzuverlässigen Elementen zu beschleunigen. Bis 1948 erfolgten die Einweisungen nicht nur durch die Volksmiliz und die Staatssicherheit, sondern auch durch örtliche Behörden. 1948 richtete man in der Abteilung IV der Staatssicherheit die Abteilung „Einweisungen und Gefängnisse“ ein.

Am 21. Januar 1958 stimmte das Politbüro des ZK der BKP über einen Beschluss über verschärfte Bekämpfung von „Hooligans“ und „asozialen Elementen“ ab, die „zur Zwangsarbeit interniert werden müssen“. In diese Kategorie wurden auch Jugendliche eingeordnet, die sich an westlichen Werten orientierten, nach westlicher Mode kleideten, Westmusik hörten und spielten oder modische Haarschnitte trugen.

Peter Gogov, Vorsitzender der „Arbeitsgruppe“ (des Konzentrationslagers) bei Lovetch, gab beim Verhör nach dem Sturz des kommunistischen Regimes zu, dass zwischen 1945 und 1962 44 Konzentrationslager in Bulgarien eingerichtet wurden. In der wissenschaftlichen Literatur und in Zeitzeugenberichten wird die Zahl der Lager dagegen mit 83 angegeben, die aber unterschiedlich lange in Funktion waren.

Aus dem Geständnis von General Mirtcho Spasov vor dem Ankläger im Prozess um das Straflager Nr. 4 im Jahr 1990: „Wir, das Politbüro des ZK (der Bulgarischen Kommunistischen Partei, Red.) und unser Ministerium (des Inneren, Red.), haben die sowjetischen Genossen und ihre Erfahrungen stark nachgeahmt. 1959 war ich der jüngste stellvertretende Minister des Inneren und wurde beauftragt, das Straflager Lovetch aufzubauen.“

Nach dem Sturz des kommunistischen Regimes in Bulgarien erfuhr keiner der Schuldigen für die Errichtung der Konzentrationslager sowie für die dort begangenen Morde und Folterverbrechen eine gerichtliche Bestrafung. Stattdessen wurde eine der Kronzeugen des Gerichtsprozesses über die Verantwortlichen für die Straflager, die ehemalige Lagerinsassin und Schauspielerin Nadja Dunkin kurz vor ihrer Zeugenaussage vor Gericht in ihrer Wohnung ermordet. Der Mord blieb unaufgeklärt, der Gerichtsprozeß in Sachen Straflager wurde 2002 wegen Verjährung eingestellt.

Straflager mit nachgewiesenen Angaben:

  • „TWO Zeleni dol”, Blagoevgrad, das erste Konzentrationslager in Bulgarien nach dem 9. September 1944, errichtet auf Verlangen der sowjetischen Okkupationsverwaltung.
    Es wurden 203 Deutsche interniert, darunter auch deutsche Frauen, die mit bulgarischen Bürgern verheiratet waren. Das Lager existierte von September 1944 bis Dezember 1945.
  • „TWO Gara Sveti Wratch“ bei Sandanski, existierte im Januar 1945. Dort wurden 800
    Personen interniert, vor allem ehemalige Offiziere.
  • „TWO Mina Kutzian“ bei Pernik, existierte von Oktober 1945 bis Ende 1949. Dort wurden vor allem russische Weißgardisten und Mitglieder der Bauernpartei von Nikola Petkov interniert.
  • „TWO Mina Tcherno More“ bei Burgas – existierte von Januar bis April 1945
  • „TWO Bogdanow dol“ bei Pernik – existierte von Frühjahr 1945 bis 1951
  • „TWO Rudnik Tolbuchi
  • „TWO Mina Nikolaevo“ bei Stara Zagora – existierte von 1948 bis Juli1949
  • „TWO Jazovir Rositza“, heute „Stambolijski“ – existierte von Oktober 1947 bis 1948
  • „TWO Nozharevo“ bei Silistra – existierte von Anfang 1947 bis Mitte 1952
  • „TWO bei Bojana“, Tutrakan, Frauenlager – existierte Anfang 1947
  • “TWO bei Veliko Tarnovo“ – Frauenlager, 1947
  • “TWO Boschulja“, Pazardzhik – existierte von 1945 bis 1949
  • “TWO Belene“, gegründet auf Erlass des Minister-rates vom 27. April 1949 als Lager für politische Gegner der Bulgarischen Kommunistischen Partei.
    Das Straflager erstreckte sich über die Donau-inseln Persin, Goljama Barzina, Mika, Jüurtcheto, Magaretza, Belitza, Sovata und Predela. Im ersten Jahr wurden dort 800 Menschen interniert, im Jahr 1953 1.917 Häftlinge mit Strafen von 6 Monaten bis zu 7 Jahren.
  • “TWO Lovetch“, Steinbruch – bestand seit 1959, als dort die ersten 166 Häftlinge aus dem Straflager Belene eintrafen. Eines der Straflager mit den schwersten Bedingungen, im Volk das “Todeslager” genannt, von den Aufsehern zynisch “Sonnenstrand” tituliert, nach dem gleichnamigen Kurort an der Schwarzmeerküste. Die Lagerinsassen, darunter viele Intellektuelle und Künstler, arbeiteten im Steinbruch unter äußerst schweren Bedingungen
    und bei erdrückenden Pflichtnormen. Bis 1962 gingen 1500 Menschen durch das Lager. Viele von ihnen wurden zu Tode geprügelt, andere starben nach Folterungen oder an der kräftezehrenden Arbeit. Bis heute sind die Namen von 151 Menschen bekannt, die in diesem Lager gewaltsam zu Tode kamen.
  • „TWO Skravena“ bei Botevgrad – Frauenlager. Im Sommer 1961 wurden 300 Frauen aus dem Lager Lovetch nach Skravena verlegt.

Neben den zahlreichen Straflagern gab es während des kommunistischen Regimes in Bulgarien auch noch 22 Gefängnisse, in denen bis 1989 ebenfalls politische Häftlinge einsaßen.

Statistik über wegen „konterrevolutionärer Tätigkeit“ verurteilte Häftlinge bis zum 1. Juli 1956

Sozialer Status Anzahl % von allen

Verurteilungen

Klein- und Mittelbauern 1168 42.58
Handwerker 370 13.49
Arbeiter 357 13.01
Angestellte 349 12.72
Freie Berufe 175 6.38
Großbauern 120 3.37
Mitglieder der TKZS

(landwirtschaftliche Kooperative)

100 3.65
Studierende 67  2.44
Keiner-Arbeit-Nachgehende 37 1.35
Insgesamt verurteilte Gefangene 2743 100

Politische Häftlinge mit langem Gefängnis-aufenthalt während der Herrschaft des kommunistischen Regimes in Bulgarien

Vorname, Familiename Jahre im Haft
Vasil Uzunov 28
Ilija Minev 27
Vasil Zlatarov 20

>> Von sozialen Forderungen zur politischen Rebellion. [11]

Der Steinbruch des Straflager Lovetch 2011,

Foto F. K.


Lageraufseher während des Strafprozesses im Jahr 2002,
Privatarchiv